Kapitel 07 · Gestaltung und Wirkung
Inhalte, die wirken
Ein Passant schenkt Ihrem Bildschirm zwei Sekunden. Wie eine Folie in dieser Zeit ankommt – von der Schriftgrösse über den Loop bis zu dem, was nie auf einen Screen gehört.
In einer Zahnarztpraxis hing ein grosses Display über dem Empfang. Darauf lief eine PDF-Seite mit dem Hygienekonzept, elf Absätze, als Bild auf sechzehn zu neun gestreckt. Niemand las sie, und niemand hätte sie lesen können. Der Bildschirm war richtig gewählt, hell genug, sauber montiert. Falsch war nur das, was darauf lief.
Die Dramaturgie eines Loops
Ein Loop ist kein Ordner voller Dateien, sondern eine Abfolge mit Rhythmus. Die brauchbare Länge liegt zwischen einer und drei Minuten. Wer im Vorbeigehen schaut, sieht ohnehin nur eine oder zwei Folien; wer wartet – im Empfang, an der Kasse, im Lift – soll nicht dieselbe Aussage viermal sehen.
Fünf bis acht Folien je Loop reichen. Mehr Botschaften verwässern die Anlage, weil jede einzelne seltener vorkommt. Ordnen Sie nicht nach Wichtigkeit, sondern nach Wechsel: ruhige Folie, bewegte Folie, ruhige Folie. Zwei Videos hintereinander wirken hektisch, zwei Textfolien hintereinander wie eine Präsentation. Setzen Sie die wichtigste Aussage lieber an zwei Stellen im Loop, statt sie zu verlängern.
An Orten mit Wartezeit gilt eine andere Regel als am Schaufenster. Im Wartezimmer darf eine Folie länger stehen und mehr erzählen, weil Ihr Publikum Zeit hat. Am Schaufenster zählt die Strecke von der Ampel bis zur Tür, das sind wenige Schritte. Derselbe Loop passt nie auf beides – planen Sie je Ort einen eigenen.
Eine Folie, eine Botschaft
Die häufigste Ursache für wirkungslose Bildschirme ist nicht schlechte Gestaltung, sondern zu viel Inhalt auf zu wenig Fläche. Eine Folie trägt eine Aussage. Wer zwei zeigt, zeigt keine.
Bauen Sie jede Folie in drei Ebenen. Ein Blickfang, der in einer halben Sekunde sagt, worum es geht – ein Bild, eine Zahl oder ein einziges Wort. Eine Hauptzeile mit der Aussage, fünf bis sieben Wörter. Darunter eine Zeile mit dem Nötigsten: Preis, Datum, Ort. Mehr braucht es nicht, und mehr liest niemand.
Weissraum ist dabei kein verschenkter Platz, sondern das Mittel, das die Hauptzeile gross macht. Eine ruhige Fläche um die Aussage herum wirkt aus zehn Metern stärker als eine randvolle Folie. Führen Sie den Blick: Oben links oder in der Mitte beginnt das Auge, unten rechts endet es – dorthin gehört der Hinweis, was zu tun ist. Und prüfen Sie jede Folie im Stehen aus der echten Distanz, nicht am Schreibtisch. Der Unterschied ist ernüchternd und lehrreich.
Typografie auf Distanz
Schrift am Bildschirm ist etwas anderes als Schrift auf Papier. Als Faustregel rechnen wir einen Millimeter Versalhöhe je zweihundert Millimeter Betrachtungsabstand: Auf fünf Meter braucht die Hauptzeile also gut fünfundzwanzig Millimeter Höhe auf dem Glas, nicht in der Vorlage. Messen Sie am Gerät nach, die Zahl überrascht die meisten.
Was auf Distanz zählt:
- ein mittlerer bis kräftiger Schriftschnitt; dünne Schnitte verschwinden auf hellen Displays, weil die Leuchtfläche die Haarlinien auffrisst
- eine Schrift mit offenen Formen und klarem Unterschied zwischen I, l und 1
- etwas mehr Laufweite bei kleinen Zeilen, etwas weniger bei sehr grossen
- Zeilen von höchstens fünf bis sechs Wörtern, lieber umbrechen als verkleinern
- Grossbuchstaben nur für kurze Wörter; ganze Zeilen in Versalien verlieren die Wortform und lesen sich langsamer
- ein hoher Helligkeitsunterschied zwischen Schrift und Grund, geprüft im ungünstigsten Licht des Tages
Wenn eine Zeile nicht passt, ist der Satz zu lang – nicht die Schrift zu gross.
Farbe und Kontrast am Bildschirm
Ein Display leuchtet, Papier wird angeleuchtet. Darum wirken Farben am Screen kräftiger, und grosse helle Flächen blenden im Innenraum schnell. In einer dunklen Lobby ist eine dunkle Folie mit hellem Text angenehmer. Im Schaufenster bei Tageslicht gewinnt fast immer die helle Fläche mit dunkler Schrift, weil sie gegen die Umgebungshelligkeit ankommt.
Ihr Corporate Design ist für Papier gemacht und muss am Screen übersetzt werden. Ein zartes Grau, das auf dem Briefpapier vornehm wirkt, ist auf dem Display kaum vom Weiss zu unterscheiden. Halten Sie Hausfarbe und Akzentfarbe, erlauben Sie sich aber eine kräftigere Abstufung für Schrift auf farbigem Grund. Zwei Farben plus Weiss und Schwarz reichen für fast jede Folie.
Denken Sie an Rot-Grün-Schwächen: Transportieren Sie Information nie allein über Farbe, sondern zusätzlich über Wort, Form oder Position. Und schauen Sie Ihre Folien einmal am Mittag an, mit Sonne auf der Scheibe. Was dann lesbar ist, ist lesbar. Wie hell ein Gerät für welche Lage sein muss, steht im Kapitel über Hardware.
Bewegung, Bild und Video
Bewegung zieht den Blick – aber nur, wenn sie die Ausnahme ist. Läuft auf der ganzen Fläche dauernd etwas, ermüdet das Auge und schaut weg. Am besten wirkt eine ruhige Folie, die stehen bleibt, und ein Wechsel, der sauber ein- und ausblendet. Eine halbe bis eine Sekunde Überblendung genügt; alles Verspielte – Drehen, Fliegen, Springen – wirkt spätestens beim dritten Durchlauf billig. Fliegende Logos sind der sicherste Weg, eine Anlage alt aussehen zu lassen.
Videos laufen im Verkaufsraum praktisch immer ohne Ton. Das heisst: Die Aussage muss im Bild stehen. Halten Sie Clips kurz, fünfzehn bis dreissig Sekunden, setzen Sie Untertitel oder Bildtext und beginnen Sie mit dem stärksten Bild statt mit einem Vorspann. Wo Musik läuft, klären Sie vorher die Rechte; für die öffentliche Wiedergabe gilt der zuständige SUISA-Tarif.
Bei Bildern zählt zuerst die Auflösung, danach der Ausschnitt. Nehmen Sie Material in der Auflösung der Fläche, bei Hochformat entsprechend hoch – ein gedrehtes Querformat mit Balken verrät sich sofort. Stockbilder sind erlaubt, wirken aber austauschbar: Eine eigene Aufnahme vom Team, vom Laden, von der Werkstatt schlägt jedes gekaufte Lächeln. Und klären Sie Bild- und Personenrechte, bevor eine Aufnahme auf eine öffentliche Fläche kommt.
Vorlagen retten die Anlage
Alles, was Sie über Gestaltung wissen, nützt nichts, wenn die Folie am Freitagnachmittag von jemandem gemacht wird, der gerade Zeit hat. Vorlagen lösen dieses Problem. Sie geben Platzierung, Schriftgrössen, Farben und Bildausschnitt vor, und die Redaktion füllt nur noch Text und Bild ein. Eine Anlage mit Vorlagen sieht nach einem Jahr noch aus wie am ersten Tag.
Eine brauchbare Vorlagenfamilie hat sechs Mitglieder:
- Aktion: Blickfang, Angebot, Gültigkeit
- Information: Öffnungszeiten, Hinweise, Abläufe
- Menü oder Preisliste: mehrzeilig, mit fester Spaltenbreite
- Team oder Porträt: Bild, Name, Funktion
- Veranstaltung: Datum, Titel, Ort, Anmeldung
- Notfall oder Störung: eine Zeile, hoher Kontrast, sofort einsetzbar
Die letzte wird selten gebraucht und ist Gold wert, wenn der Lift steht oder der Eingang gesperrt ist. Legen Sie die Vorlagen in derselben Software an, in der später gearbeitet wird, nicht in einem Grafikprogramm, das nur die Agentur hat. Wer pflegt und wer freigibt, steht im Kapitel über Software und Betrieb.
Was nie auf den Bildschirm gehört
Es gibt eine kurze Liste von Dingen, die eine Anlage zuverlässig entwerten. Ich sehe sie überall, und sie kosten mehr Glaubwürdigkeit als jede fehlende Funktion.
- Fliesstext: mehr als drei Zeilen liest im Stehen niemand
- PDF-Seiten und Textdokumente als Bild, samt Rändern und Seitenzahl
- Tabellen aus der Tabellenkalkulation mit Gitternetz und Fussnoten
- Nachrichtensender im Wartebereich; eine Katastrophenmeldung neben Ihrem Angebot nimmt dem Raum die Stimmung
- abgelaufene Aktionen, veraltete Teamfotos, Weihnachtsgrüsse im Februar
- ein sichtbarer Mauszeiger, ein Fenster im Fenster, eine Meldung des Betriebssystems
- falsches Seitenverhältnis: gestauchte Gesichter und schwarze Balken
- Uhrzeit oder Wetter, die stehen bleiben, weil die Quelle nicht mehr antwortet
Mauszeiger und Systemmeldung sind übrigens kein Gestaltungsfehler, sondern der Hinweis auf einen Player, der als gewöhnlicher Rechner läuft und nicht im abgeriegelten Betrieb.
Richtwerte für den Alltag
Die folgenden Werte sind keine Norm, sondern Erfahrung aus Anlagen, die funktionieren. Die Höhe meint die Versalhöhe der Hauptzeile, gemessen auf dem Glas.
| Betrachtungsabstand | Höhe Hauptzeile | Wörter je Folie | Standzeit |
|---|---|---|---|
| 1 bis 2 m, Theke und Wartezimmer | 10 bis 15 mm | bis 20 | 10 bis 15 s |
| 3 bis 5 m, Schaufenster und Empfang | 20 bis 30 mm | bis 12 | 8 bis 12 s |
| 6 bis 10 m, Halle und Menüboard | 40 bis 60 mm | bis 8 | 7 bis 10 s |
| über 10 m, LED-Wand und Fassade | ab 80 mm | bis 5 | 5 bis 8 s |
Zwei Hinweise dazu. Die Standzeit gilt für stehende Folien; ein Video läuft so lange, wie es dauert, und sollte dreissig Sekunden nicht überschreiten. Und die Wortzahl zählt alles, was zu lesen ist, auch das Kleingedruckte unten rechts. Wenn Sie beim Zählen über den Wert kommen, streichen Sie – das ist fast immer die bessere Folie.
MerksatzZwei Sekunden reichen für genau eine Botschaft – wer zwei auf eine Folie stellt, zeigt am Ende keine.