Zum Inhalt springen

Kapitel 06 · Werkstattbericht Software

Warum wir ein eigenes CMS gebaut haben

Ein ehrlicher Bericht darüber, warum wir unsere eigene Signage-Software gebaut haben, was uns das gekostet hat und wann ein fertiges System die klügere Wahl ist.

Unser erstes Abspielsystem haben wir 2016 selbst geschrieben, zusammen mit dem Gehäuse für die erste Stele – es gab schlicht nichts zu kaufen, das unseren Ansprüchen genügte. Später, als die Anlagen zahlreicher wurden, haben wir fertige Systeme eingesetzt, dort wo sie passten. Bis ich in einer Bäckerei neben der Kasse stand und zusah, wie die Inhaberin das Mittagsmenü ändern wollte: Sie klickte sich durch vier Ebenen, fand eine Zeitleiste, verschob versehentlich ein Element und hatte danach einen leeren Bildschirm. Die Software konnte alles – Übergänge, Ebenen, Videowände, Rechte für hundert Standorte. Nur das nicht, was diese Frau am Dienstagmorgen um sechs brauchte. An diesem Tag haben wir wieder angefangen, selbst zu bauen.

Was uns an den fertigen Systemen störte

Ich will fair bleiben: Die Systeme von damals waren nicht schlecht. Sie waren für jemand anderen gebaut – für Ketten mit Marketingabteilung, eigener Informatik und Leuten, die das Werkzeug täglich bedienen. Unsere Kundinnen sind Bäckereien, Autohäuser, Praxen, Gemeinden; die arbeiten zwanzig Minuten pro Woche damit.

Vier Dinge begegneten uns immer wieder:

  • Die Lizenz lief je Bildschirm und Monat. Wer viele Flächen betreibt, zahlt zweimal: für die Hardware und für das Recht, sie einzuschalten.
  • Der grösste Teil der Funktionen blieb unberührt. Ebenen, Skriptsprachen, Animationskurven – Werkzeuge für Gestalterinnen, nicht für Betriebe.
  • Die Oberfläche setzte Wissen voraus, das niemand hatte. Nach der Schulung ging es zwei Wochen gut, dann rief die Filialleiterin wieder bei uns an.
  • Der Support sass in einer anderen Zeitzone. Ein schwarzer Bildschirm am Samstagmorgen wurde am Montagnachmittag bearbeitet.

Dazu kam die Frage, wo die Inhalte liegen. Bei einem Menüboard ist das gleichgültig, bei Belegungsdaten aus dem Sitzungszimmer nicht.

Was wir stattdessen wollten

Wir haben nicht mit einer Funktionsliste angefangen, sondern mit fünf Sätzen auf einem Papierbogen. Jeder davon war eine Entscheidung gegen etwas anderes.

  • Eine Bäckerin bedient das System ohne Schulung. Braucht sie eine Anleitung, ist die Oberfläche falsch, nicht die Bäckerin.
  • Vorlagen statt Gestaltungsfreiheit: Wir geben Raster, Schrift und Farbe vor, die Kundin füllt Text und Bild. Warum das eine Anlage rettet, steht im Kapitel über Inhalte.
  • Die Daten liegen in der Schweiz, auf Servern, die wir benennen können. Das revidierte Datenschutzgesetz verlangt ohnehin zu wissen, wo Daten liegen und wer zugreift.
  • Jede Ausspielung wird protokolliert. In unserem Werbenetz ist der Nachweis die Grundlage der Abrechnung; ohne ihn lässt sich fremde Werbung nicht seriös vermarkten.
  • Das System kennt unsere Abläufe. Aus der Offerte wird ein Auftrag, daraus ein Standort mit Geräten und Servicehistorie. Meldet sich ein Player nicht mehr, weiss das System, wem er gehört.

Der letzte Punkt war der eigentliche Grund. Keine fertige Software kennt Ihre Abläufe.

Klein anfangen und weh tun lassen

Die erste Fassung konnte genau drei Dinge: Bilder hochladen, in eine Reihenfolge bringen, an einen Bildschirm schicken. Kein Zeitplan, keine Zonen, keine Rechte. Damit sind wir zu drei Kundinnen gegangen, die wir gut kannten, und haben gesagt: Probiert es, und sagt uns, wo es weh tut.

Es tat an Stellen weh, die wir nicht erwartet hatten. Niemand vermisste Übergangseffekte. Alle vermissten eine Vorschau, die zeigt, wie die Folie später an der Wand aussieht. Eine Filialleiterin lud dasselbe Bild dreimal hoch, weil sie nach dem Speichern nicht sah, ob etwas geschehen war. Solches zeigt sich nur dort, wo jemand am Dienstagmorgen unter Zeitdruck damit arbeitet.

Daraus ist eine Regel geworden: Jede neue Funktion braucht einen Namen und einen Anlass. Nicht «wäre schön», sondern «die Gemeinde kann ihre Abstimmungsplakate sonst nicht zeigen». Funktionen ohne Anlass bauen wir nicht. Das klingt streng und hat uns vor einem Produkt bewahrt, das alles kann und niemandem hilft.

Fünf Funktionen statt fünfzig

Nach Jahren im Betrieb sieht die tatsächliche Nutzung ernüchternd einfach aus. Die allermeisten Anlagen brauchen fünf Dinge: Inhalt hochladen, in eine Reihenfolge bringen, zeitlich steuern, den Zustand des Bildschirms sehen und jemanden erreichen, wenn es klemmt. Alles Weitere ist Zubehör.

Zeitpläne schlagen Effekte. Eine Bäckerei, die morgens Gipfeli und mittags das Menü zeigt, holt mehr aus ihrer Fläche als jede Animation. Automatische Inhalte – Wetter, Öffnungszeiten, Bestände aus der Warenwirtschaft – halten den Bildschirm auch in einer stillen Woche frisch.

Ein Bildschirm, der sich selbst meldet, ist mehr wert als jede Designfunktion. Unsere Player melden sich in kurzen Abständen und schicken auf Wunsch ein Bildschirmfoto. Bleibt eine Meldung aus, erfahren wir es, bevor die Kundin es merkt. Das hat uns viele Anfahrten gespart.

Und weniger Auswahl bedeutet weniger Fehler. Seit die Vorlagen Schriftgrösse und Zeilenzahl vorgeben, sehen wir kaum noch unleserliche Folien. Die Freiheit, die wir weggenommen haben, hat niemand vermisst.

Was eigene Software wirklich kostet

Über den Preis rede ich hier nicht in Zahlen, sondern in Verpflichtungen – die sind ehrlicher. Die Entwicklung ist der kleinste Teil und der einzige, der irgendwann fertig ist. Alles danach hört nie auf.

Was Sie sich einhandeln, wenn Sie selbst bauen:

  • Wartung: Die Betriebssysteme der Player ändern sich, Browser ändern sich, Schnittstellen zu Kassen und Kalendern ändern sich. Das ist Arbeit, die keine Kundin bestellt hat.
  • Sicherheitsaktualisierungen: Ein System, das aus dem Internet erreichbar ist, muss in der Woche gepflegt werden, in der eine Lücke bekannt wird, nicht im nächsten Quartal.
  • Verfügbarkeit: Steht unser System still, stehen Bildschirme in der ganzen Deutschschweiz. Diese Verantwortung lässt sich nicht weiterreichen.
  • Wissen in mehreren Köpfen: Ein System, das nur eine Person versteht, ist ein Risiko.

Für uns trägt sich das, weil der Aufwand sich über viele Standorte und über das eigene Werbenetz verteilt und dasselbe System die Abläufe von der Offerte bis zum Serviceeinsatz hält. Für einen Betrieb mit vier Bildschirmen trägt es sich nie.

Wann ein fertiges System die bessere Wahl ist

Ich empfehle unser System nicht überall, und eigene Software schon gar nicht jedem. Es gibt Fälle, in denen ein etabliertes Produkt klar besser passt.

Ein internationaler Konzern mit eigener Informatik und Standorten in mehreren Ländern braucht einen Anbieter, der Verträge in verschiedenen Rechtsräumen erfüllt, Zertifizierungen vorlegt und ein Rollenmodell für hunderte Benutzerinnen mitbringt. Dafür sind wir die Falschen.

Spezialfälle mit fester Anbindung gehören dazu. Hängen Ihre Filialen an einem bestimmten Kassensystem und existiert dafür eine erprobte Signage-Erweiterung, nehmen Sie die. Eine Schnittstelle nachzubauen, die es schon gibt, ist teuer und undankbar.

Und sehr grosse Netze, die programmatisch vermarktet werden, brauchen Anbindung an Handelsplätze, standardisierte Formate und Zählweisen, die Mediaagenturen akzeptieren. Diesen Apparat baut niemand nebenbei; mehr dazu im Kapitel über das Werbenetz.

Die Faustregel ist unspektakulär: Je eigener Ihre Abläufe, desto eher lohnt sich eigene Software. Je standardisierter Ihre Anforderung, desto eher gibt es sie fertig.

Fragen, die Sie jeder Anbieterin stellen sollten

Ob fertiges Produkt oder Anbieter mit eigener Software: Diese Fragen kosten zehn Minuten im Verkaufsgespräch und ersparen später viel.

  • Wo liegen meine Daten, auf wessen Servern, in welchem Land – und wer beim Anbieter kann sie einsehen?
  • Wie bekomme ich meine Inhalte wieder heraus? Gibt es einen Export, und in welchem Format?
  • Wie ist das Lizenzmodell gebaut? Je Bildschirm, je Standort, je Benutzerin – und was geschieht, wenn ich einen Bildschirm dazustelle oder abhänge?
  • Gibt es ein Ausspielprotokoll, wie lange wird es aufbewahrt, und kann ich es herunterladen?
  • Wie erfolgt die Fernwartung? Wer kann sich aufschalten, wird das protokolliert, und lässt sich der Zugang abschalten?
  • Was passiert beim Anbieterwechsel? Gehören die Player mir, und lässt sich darauf andere Software betreiben?
  • Was passiert, wenn es Sie in fünf Jahren nicht mehr gibt?

Die letzte Frage ist unangenehm, und genau deshalb stelle ich sie gern. Wer ruhig antwortet und erklärt, wie Sie im schlimmsten Fall an Inhalte und Geräte kommen, hat darüber nachgedacht.

Eigenes System gegen fertiges System

Die folgende Einschätzung gebe ich auch im Gespräch – als Anbieter, der selbst gebaut hat, aber ohne Schönfärberei.

KriteriumEigenes SystemFertiges System
Zeit bis zum ersten Bildlang, es muss erst entstehenkurz, Konto eröffnen und loslegen
Passung zu den eigenen Abläufengenau so, wie Sie arbeitenSie passen sich dem Produkt an
Bedienung durch Ungeübtelässt sich gezielt einfach haltenoft für Fachleute gebaut
Datenhaltungfrei wählbar, Standort bestimmbarvorgegeben, muss geklärt werden
Laufender AufwandPflege im eigenen HausLizenz je Bildschirm, wächst mit dem Netz
Anbindung an Kasse und WarenwirtschaftSie bauen, was Sie brauchenvorhanden, sofern Ihr System dabei ist
Internationale Anforderungenaufwendigmeist abgedeckt
Programmatische Vermarktungsehr aufwendigbei grossen Anbietern vorhanden
Abhängigkeitvom eigenen Teamvom Anbieter und seinem Preismodell

Keine einzelne Zeile entscheidet. Lesen Sie die drei, die Ihren Alltag betreffen.

MerksatzEigene Software lohnt sich dort, wo die eigenen Abläufe eigen sind – überall sonst kaufen Sie Verantwortung mit, die niemand bestellt hat.

Reden wir über Ihre Bildschirme.

Das Buch beantwortet viele Fragen. Ihren Ort schauen wir uns am besten gemeinsam an.